Zusammenarbeit im Team und in Arbeitsgruppen ist und bleibt fortwährend ein heikles Thema in Unternehmen und Organisationen. Grundsätzlich will man ja immer gern alle mitnehmen, aber nur zu oft setzen sich einzelne durch – und frustrieren damit andere. Dass das so sein kann, aber nicht sein muss, kann man von erfolgreichen Musikern lernen. Hier steht wie.
Anfang 2022 veröffentlichte Disney den 8-stündigen Dokumentarfilm von Peter Jackson über die Beatles, betitelt „Get back„. Er zeigt Aufnahmen, die Anfang 1969 als Nebenprodukt zu den Aufnahmen ihrer damals nächsten – und es sollte die letzte werden – Langspielplatte „Let it be“ gedreht wurden. Regisseur Michael Lindsay-Hogg nahm damals über 56 Stunden Filmmaterial auf, das 1970 in einer stark zusammengeschnittenen, 81 minütigen Version in die Kinos gekommen war. Offensichtlich war diese Verkürzung, in der auf Wunsch der Bandmitglieder die aufgetretenen Konflikte weitgehend ausgespart blieben, auch eine starke Verzerrung dessen, wie wirklich gearbeitet wurde.
Da ist die jetzt neu erschienene, Bild- und Ton-mäßig restaurierte, viel längere Version viel näher dran. Sie ist neben der Dokumentation, wie die Beatles damals wirklich gearbeitet und (ein bisschen) auch gelebt haben, ein Lehrstück über kreative Zusammenarbeit und deren Mechanismen – unabhängig von der Band. Um die soll es hier gehen, nicht um die woanders detailliert beschriebene Geschichte der Beatles und ihre letzten Tage.
Die Beatles, also Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr, waren vier Charaktere, wie sie anders kann sein könnten, aber damit typisch für die Gesellschaft. Während Paul und John ganz klare Alpha-Männchen waren/sind, wirken George und Ringo eher leicht verschüchtert und manchmal in sich gekehrt, zurückgezogen. Ringo, der Schlagzeuger, trug damals offensichtlich relativ wenig zum kreativen Entstehungsprozess der Songs bei. Er hielt sich stattdessen sehr gechillt im Hintergrund und spielte nur ein paar Takte, wenn er darum gebeten wurde, die allerdings solide. Damit ist sein kreativer Einfluss auf die Songs offensichtlich eher gering gewesen.
Die Führung der Sessions lag ganz klar bei Paul McCartney, dem Bassisten. Er war es immer wieder, der vorschlug, was man tun sollte und er kam fortlaufend mit Song-Ideen, die John Lennon dann sofort aufgriff und auf seiner Rhythmus-Gitarre begleitete, beziehungsweise auch erweiterte. Man sieht sofort, dass diese beiden Alpha-Männchen letztlich doch sehr gut miteinander harmoniert haben, sich wertschätzten und kreativ ergänzten.

Die tragische Rolle hielt der dritte im Bunde, George Harrison, seines Zeichens der Lead-Gitarrist der Band. Ihm sollte eigentlich die Rolle zukommen Melodie-Fragmente, Fill-ins, und teilweise auch rhythmische Unterstützung einzustreuen. Man sieht in der Dokumentation aber nur zu deutlich, dass es ihm, anders als John Lennon, oft schwer fiel sich sofort in die Song-Ideen von Paul McCartney einzufinden. Mehrfach spricht er darüber, dass andere Gitarristen – und er redet von Eric Clapton – viel besser und flexibler wären, besser improvisieren könnten, usw. – und man den doch nehmen solle. Die Antwort von Lennon/McCartney war aber: „Wir wollen nicht Eric Clapton, wir wollen George Harrison!“ Die Wahrheit, anschaulich dokumentiert, aber für die Beteiligten in dem Moment wohl selbst nicht direkt erkennbar, ist allerdings, dass dieses wohl eher ein Lippenbekenntnis war, denn immer wenn der schüchtern wirkende Harrison Ideen oder Song-Beispiele brachte, wurden die zwar kurz angehört, aber dann ging es sofort mit Ideen von Paul McCartney weiter. Es ist verständlich, dass sich bei Harrison in dieser Situation mehr und mehr Frust aufgebaut hat. Wahr ist allerdings auch, dass die Beispiele von Harrison teilweise Songs anderer, etwa Bob Dylan, waren oder stilistisch eher 10-20 Jahre zurück wirkten, also nicht in der Liga der Ideen von Lennon/McCartney mitspielten. Das führte nach einigen Tagen dazu, dass Harrison plötzlich erklärt, dass er die Band sofort verlassen würde und „man sich zukünftig ja noch in den angesagten Clubs treffen könne“. Das hat er dann zwar ein paar Tage später revidiert, aber dann zumindest mit John Lennon auch angesprochen, dass er mit seinen zahlreichen, angeblich fertigen Songs, die hier nicht in die engere Wahl gekommen waren, planen würde eine Solo-Platte zu machen – das wurde dann später das 3-fach Album „All things must change“.
Was war passiert? Zwei Kreative, die sich obendrein noch sehr gut verstanden, hatten beide den Kreativitätsprozess komplett übernommen und für die anderen beiden Band-Mitglieder keine Luft gelassen. Das war für Schlagzeuger Ringo Starr offensichtlich kein Problem. Aber George Harrison reagierte mit tiefen Frust. Was hätte anders laufen können, sollen und müssen? George Harrison war vielleicht nicht so der perfekte Musiker mit dem idealen Gehör, wie die beiden anderen. Nichtsdestotrotz muss man ihm anhand seiner Soloerfolge positiv unterstellen, dass auch er nicht ohne Talent war. Es wäre also vielleicht sinnvoll gewesen, ihm wirklich Chancen einzuräumen eigene Facetten beizutragen. In den Diskussionen beschwert sich Paul McCartney mehrfach bei Harrison, dass er ihm auch in der Vergangenheit schon immer mal wieder hätte zeigen müssen, wie die Melodielinien auf der Gitarre laufen würden – und dass ihn das nerven würde. Damit hatte McCartney seine Erwartungshaltung, vielleicht sogar Verachtung gegenüber Harrison klar zum Ausdruck gebracht, Harrison aber auch keinen wirklichen Weg aufgezeigt sich besser aktiv in das Bandgefüge einbringen zu können.
Nehmen wir ein anderes Beispiel eines Kreativitätsprozesses in einer Band, das leider nicht so schön in einem Film dokumentiert ist: The Who. Auch hier haben sogar vier Alpha-Männer zusammen agiert: Pete Townshend, John Entwhistle, Keith Moon und Roger Daltrey. Sie haben ihre Zusammenarbeit aber anders organisiert als die Beatles. Dem so genannten „Mastermind“ Pete Townshend oblag in der Regel das Schreiben der Songs, zumindest der Grundideen. Er fertigte davon komplette Demo-Versionen an, die er dann seinen Band-Mitgliedern vom Band vorspielte. Erst daraufhin begann der kreative Teamprozess, in dem sie alle ihre instrumentalen und kompositorischen Fähigkeiten einbringen konnten. Von etlichen Songs sind diese Demo-Version auch veröffentlicht worden und man kann daran erkennen, wie kreativ dieser Team-orientierte Kreativitätsprozess wirklich war. Bei einigen Songs sind Demos und die finale Aufnahme der Band fast identisch, während andere Kompositionen – und das bezieht sich insbesondere auf die Mitwirkung von John Entwhistle am Bass und natürlich auch auf Keith Moon, dem wilden Derwisch am Schlagzeug – kreativ stark verändert wurden.

Es stehen hier also zwei Team-orientierte Kreativitätsprozess-Varianten gegenüber:
- Das gemeinsame nach-vorne-Tasten mit der Gefahr, dass die Alpha-Personen fortlaufend die Führung übernehmen und die anderen wegdrängen, weil die für den ad hoc Modus nicht schnell genug sind – der Ansatz der Beatles bei den gezeigten Sessions unter Zeitdruck in der Spätphase eines Projekts.
- Der Ansatz zunächst eine Ausgangsbasis als Grundlage einer kreativen, gemeinsamen Weiterentwicklung zu schaffen, um dann darauf gemeinsam Ideen, die man durchaus über Tage entwickelt haben kann, einzubringen und das Ergebnis zu perfektionieren.
Je mehr ich darüber nachdenke, muss ich sagen, dass ich ein großer Freund des Ansatzes mit durchdachten Grundlagen zu starten bin. Das muss allerdings nicht heißen, dass nur eine(r) das Recht haben sollte, mit solchen Grundlagen zu kommen. Stattdessen sollte es immer möglich sein mit mehreren, konkurrierenden Ausgangsideen, bzw. Vorschlägen zu beginnen und diese abzuwägen oder sogar zu mischen. Wenn man sich in der zweiten Phase (1. Erstellung, 2. Auswahl, 3. Optimierung) einmal auf eine gemeinsame Basis verständigt hat, ist es in der Praxis besonders effizient diese gemeinsam zu optimieren, zu perfektionieren. Ein solcher Prozess sorgt auch unter kreativen Menschen für weniger Frustpotenzial und hebt alle, entsprechend ihrer persönlichen Geschwindigkeit, mit ins Boot.
Ich denke, dass das George Harrison gerechter geworden wäre und unter dem Strich zu noch besseren Songs geführt hätte.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Teams und Arbeitsgruppen in Unternehmen viel aus diesen beiden Beispielen lernen können: Es gibt nicht die ideale Form von Zusammenarbeit. Zu vieles hängt von der Persönlichkeit der Mitwirkenden ab. Tendenziell scheint es aber effektiver zu sein im Team nicht bei Null, sondern mit Grundideen zu beginnen, weil das den Beteiligten die Chance gibt, sich nach dem jeweiligen persönlichen Wissensstand und Tempo einzudenken und vorzubereiten.
PS: Das Alpha-Männchen-getriebene Konfliktpotenzial wirklich in den Griff zu bekommen bleibt dennoch eine Herausforderung: die beiden verbliebenen Mitglieder von The Who schaffen es nicht wirklich gemeinsam zu arbeiten. Heutzutage haben sie sich auf eine getrennte Arbeitsweise verständigt. Der eine, Gitarrist und Song-Writer Pete Townshend macht seine Demos und arbeitet dann mit diversen Musikern, u.a. einem seiner Brüder, daran die Songs zu entwickeln und fast fertig aufzunehmen. Erst dann bekommt es der andere, Sänger Roger Daltrey. Er nimmt final nur noch seinen Gesang obendrauf auf. So gibt es gar keine Diskussionen und natürlich auch keinen Streit mehr – aber eine schöne Form der Zusammenarbeit ist das auch nicht.